Mütter · 5 Minuten Lesezeit

„Ich erkenne mich nicht wieder“: Körperbild nach der Geburt

Von Lisa Freytag, Psychologin (M.Sc. Klinische Psychologie)

Mutter lacht mit ihrem Baby auf dem Wohnzimmerteppich

Ein Körper, der neun Monate ein Kind getragen und geboren hat, sieht danach anders aus. Das weiß jede. Und trotzdem trifft es viele Frauen unerwartet hart, wenn sie sich nach der Geburt im Spiegel sehen. Zwischen Liebe zum Kind, Schlafmangel und neuer Rolle bleibt dann ein leises, oft schambesetztes Gefühl: Ich fühle mich fremd in mir.

Du bist nicht undankbar

Viele Mütter erzählen, dass sie sich für diese Gefühle schämen. „Ich sollte doch einfach dankbar sein.“ Aber Dankbarkeit und Fremdheit schließen sich nicht aus. Der Körper hat sich in kurzer Zeit massiv verändert – hormonell, körperlich, im Alltag. Es ist normal, dass das Selbstbild hinterherkommen muss.

Woher der Druck kommt

Prominente, die Wochen nach der Geburt wieder „in Form“ sind. Werbung für Rückbildungs-Challenges. Gut gemeinte Kommentare wie „Man sieht dir gar nicht an, dass du ein Kind hattest“. Sie alle transportieren dieselbe Botschaft: Ein Körper nach der Geburt soll möglichst schnell aussehen wie vorher. Dieser „Bounce back“-Gedanke setzt Frauen in einer Phase unter Druck, in der Erholung das Wichtigste wäre.

Warum es sich lohnt, früh hinzuschauen

Studien zeigen, dass Körperunzufriedenheit in der Schwangerschaft und nach der Geburt deutlich mit depressiver Stimmung zusammenhängt – eine Meta-Analyse über 28 Studien mit mehr als 7.000 Frauen fand einen moderaten Zusammenhang (He et al., 2025). Das heißt nicht, dass das eine das andere verursacht. Aber es zeigt: Wie es dir mit deinem Körper geht, ist kein Nebenthema.

Dein Körper muss nicht zurück. Er darf ankommen – in deinem neuen Leben.

Was dir helfen kann

  • Gib dir Zeit. Ein Jahr und länger ist für die körperliche Umstellung völlig normal.
  • Sortiere deinen Feed. Folge Accounts, die echte Körper nach der Geburt zeigen – und entfolge „Bounce back“-Inhalten.
  • Sprich darüber. Mit deiner Hebamme, deiner Partnerin oder deinem Partner, mit anderen Müttern. Fast alle kennen das Gefühl.
  • Setz Grenzen bei Kommentaren. Ein freundliches „Über meinen Körper möchte ich gerade nicht sprechen“ ist erlaubt.
  • Würdige, was dein Körper tut. Er hat ein Kind getragen, er tröstet, trägt und nährt.
  • Denk an dein Kind. Kinder lernen von uns, wie man über Körper spricht. Ein freundlicher Blick auf dich ist ein Geschenk an sie.

Wenn es mehr ist: Fühlst du dich seit der Geburt über Wochen niedergeschlagen, leer oder sehr ängstlich, sprich bitte mit deiner Hebamme, Frauenärztin oder Hausärztin. Krisen nach der Geburt sind häufig und gut behandelbar.

Der Körper nach der Geburt ist ein Thema in meiner Begleitung zu Körperbild & Selbstwert, und oft auch in der Themenwelt Mutterschaft & Identität. Die Sitzungen finden online statt, auch zu Zeiten, die sich mit Baby einrichten lassen.

Quelle: He et al. (2025), Meta-Analyse zu Körperunzufriedenheit und Depressivität in Schwangerschaft und nach der Geburt (28 Studien, 7.241 Frauen), Frontiers in Public Health, doi: 10.3389/fpubh.2025.1655639.

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Porträt von Lisa Freytag, lachend